Jürgen Habermas in der
Carl Friedrich von Siemens Stiftung
An die Möglichkeit, ein Lebenswerk in wenigen Sätzen vorstellen zu können, glaube er umso weniger, je öfter seine eigene Arbeit Gegenstand wohlmeinender Versuche eines zusammenfassenden Überblicks werde. Aber die Konvention, die dies verlange, habe den guten Sinn eines verdienten Kompliments. Für sein Lebenswerk hat Jürgen Habermas, von dem diese Worte stammen und der am 14. März 2026 im Alter von 96 Jahren verstorben ist, in den vergangenen Tagen eine kaum zu überschauende Zahl verdienter Komplimente erhalten.
Von einer »glücklichen Konstellation« hatte Habermas im selben Zusammenhang gesprochen, als er den in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung versammelten Zuhörern Michael Theunissen vorstellte, der am 17. Mai 2004 über »Schicksal in Antike und Moderne« referierte – an dem Ort, an dem wenige Wochen zuvor Theunissens ehemalige Heidelberger Weggefährten Ernst Tugendhat und Dieter Henrich vorgetragen hatten. Eine glückliche Konstellation aber war es vor allem für die Stiftung, dass ihr Jürgen Habermas über Jahrzehnte eng verbunden war. Glücklich kann sie nicht zuletzt deshalb genannt werden, weil sie alles andere als selbstverständlich war. Schließlich hatte unter der Geschäftsführung von Armin Mohler, die derzeit Gegenstand eines von der Stiftung initiierten Forschungsprojekts des Instituts für Zeitgeschichte ist, Ernst Nolte in der Stiftung gesprochen und dort bereits jene Thesen formuliert, die Habermas dann im »Historikerstreit« vehement attackierte.
Bei den insgesamt vier Vortragsabenden, die Habermas in Nymphenburg leitete, zeigte er sich als meisterhafter Porträtist der von ihm eingeführten Kollegen, der der Konvention, den Redner mit verdienten Komplimenten dem Publikum zu empfehlen, mit ebenso lehr- wie geistreichen Miniaturen nachkam. In seinen sorgfältig gewählten Worten der Anerkennung bewies er auch die Fähigkeit, im Anderen sich selbst zu finden. Als er am 11. Februar 2003 anlässlich des Vortrags von Ronald Dworkin über »A New Liberalism for Bad Times« zum ersten Mal die Leitung eines Abends im Wissenschaftlichen Programm der Stiftung übernahm, pries er »seinen Freund Ronny« für dessen einzigartige Verbindung der beiden Rollen des herausragenden Wissenschaftlers und des öffentlichen Intellektuellen, die dieser auf so brillante Weise gleichzeitig spiele, dass man nicht sage könne, was ursprünglicher oder wichtiger sei: der Gelehrte oder der politisch engagierte Geist. Der so Gelobte wusste das Kompliment zurückzugeben: Wenn in einer fernen Zukunft jemand 2 darüber sprechen werde, was er, Dworkin, in seinem Leben erreicht habe, dann werde immer der Gipfel sein, dass er auf diese Weise von Jürgen Habermas vorgestellt worden sei.
Bei der Vorstellung seines ehemaligen Mitarbeiters Axel Honneth, der am 10. Dezember 2008 über »Das Gewebe der Gerechtigkeit« sprach und dessen »lebenslang bestimmend gebliebenes Interesse an der Fortsetzung der von Horkheimer begonnenen Tradition« Habermas würdigte, wollte er nicht verschweigen, dass Honneth in seiner Dissertation mit Erkenntnis und Interesse »nicht gerade schonend umgegangen« sei. Und ebenso versäumte Habermas selbst es in seiner Rolle als Porträtist nie, die Kunst der wertschätzenden Verdichtung eines Denkweges mit der so subtilen wie deutlichen Vorzeichnung der von ihm ausgemachten Grenz- und Bruchlinien zu verbinden. So etwa, wenn er Theunissens Rückgang auf die Siegeshymnen Pindars als eine »sehr deutsche Besinnung auf das Altgriechische« markierte (Themenheft Nr. 79) oder in der Einführung zum Vortrag von Johann P. Arnason über »Achsenzeit und Zivilisationsvergleich« (14. Februar 2008) das Risiko beschrieb, bei dem für einen Zivilisationsvergleich notwendigen Abstraktionsgrad die empirischen Details aus dem Auge zu verlieren.
Umso mehr galt dies für die zahlreichen Stellungnahmen, die er in mehr als zwei Jahrzehnten als ›einfacher‹ Teilnehmer an den Vortragsabenden in die Diskussion einbrachte. »Habermas, ich mache Philosophie und komme aus Frankfurt – akademisch gesehen« stellte er sich dann etwa vor, um in der Folge den Referenten keineswegs zu schonen. Ob er bei Ernst Tugendhats Ausführungen über »Unsere Angst vor dem Tod« die Verengung auf eine individuelle Perspektive zuungunsten einer angemessenen Berücksichtigung des Sozialen monierte, von Robert Pippin im Anschluss an dessen Interpretation von Der Mann, der Liberty Valance erschoss Auskunft darüber forderte, ob er in systematischer Hinsicht die Angewiesenheit von Demokratien auf einen außergesetzlichen Heroismus behaupten wolle, oder nach einem Vortrag Dieter Grimms über das Verhältnis von allgemeiner und Verfassungsgeschichte nebenbei feststellte, die deutschen Historiker seien nun einmal »durch unsere starken historistischen Traditionen gegen normative Erwägungen vollständig immunisiert« – stets wurden seine Beiträge als Auszeichnung des Themas und des Referenten verstanden und stets trugen sie dazu bei, den Anspruch der Stiftung mit Leben zu füllen, als Ort der Wahrheitssuche einen Raum für in der Sache scharfe, aber in ihren Formen zivile Auseinandersetzungen zu bieten. 3 Zu den Höhepunkten der gemeinsamen Geschichte von Jürgen Habermas und der Stiftung zählt ohne Zweifel das Gespräch, das Habermas im Sommer 2012 mit Friedrich Wilhelm Graf und Heinrich Meier als Abschluss einer Sondervortragsreihe über »Politik und Religion« führte. Nicht zuletzt wurden dabei die Formen und Voraussetzungen der Wahrheitssuche selbst zum ausdrücklichen Thema. Während Habermas‘ Plädoyer für ein dialogisch-lernendes Verhältnis der Philosophie zur Religion und damit für das Unternehmen, religiöse Gehalte in die Sprache der »nachmetaphysischen« Vernunft zu übersetzen, auch auf entschiedenen Widerspruch stieß, war sich Habermas mit seinen Gesprächspartnern einig, dass die Philosophie ihrem Selbstverständnis nach auf ein Verfahren der »uneingeschränkten diskursiven Prüfung« verpflichtet ist.
In den letzten Jahren, in denen Habermas kaum noch öffentlich auftrat, kehrte er noch zwei Mal in die Stiftung zurück. Im April 2024 nahm er an einer Tagung in der Stiftung teil, in deren Zentrum seine Überlegungen zum »Neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit« standen. Bemerkenswert war nicht nur, dass hier jemand auf seine vor mehr als sechzig Jahren erschienene Habilitationsschrift zurückblickte, sondern auch, mit welcher Kompetenz Habermas über die neuen sozialen Medien sprach. So kam es, dass der damals 94-Jährige im Kreis seiner ehemaligen Schüler und Enkelschüler – nicht wenige von ihnen bereits emeritiert – dazu mahnte, die neuen Kommunikationsformen mit der gebotenen wissenschaftlichen Sorgfalt und nicht allein auf Grundlage der oft wohl eher anekdotischen Erfahrung eines Lesers der Traditionsmedien zu behandeln.
Schließlich sprach er im11.2025 auf einer Konferenz zur »Krise der westlichen Demokratien«. Sein Vortrag zur Frage »Kann sich die EU dem autoritären Sog der USA noch entziehen?« wurde am Folgetag in voller Länge in der Süddeutschen Zeitung abgedruckt und erfuhr überaus große Resonanz. Es war seine letzte große Rede in einer langen Reihe von Interventionen, durch die Jürgen Habermas die Geschichte der Bundesrepublik als ihr kritischer Begleiter entscheidend mitgeprägt hat. Wir freuen uns, sie hier wiedergeben zu dürfen.
— Fabian Brandt