Ottmar Edenhofer:
Klimapolitik ist Wirtschaftspolitik
„Hoffnung ist nicht die Prognose, dass etwas gut ausgehen wird, sondern die Einsicht, dass etwas sinnvoll ist – auch dann, wenn es nicht gut ausgeht.“ Mit diesem Gedanken des ehemaligen tschechischen Staatspräsidenten und Schriftstellers Václav Havel eröffnet der Ökonom Ottmar Edenhofer seinen Vortrag über Klimapolitik, Demokratie und die Zukunft der globalen Gemeinschaftsgüter in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung. Damit spannt er zugleich den Bogen zu seiner zentralen These: Klimapolitik ist weit mehr als Umweltpolitik. Sie ist eine zentrale Voraussetzung für die Sicherung von Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit und internationaler Stabilität.
Gut zehn Jahre nach dem Pariser Klimaabkommen steigen die globalen CO₂-Emissionen weiter. Das eigentliche Problem ist laut Edenhofer daher nicht fehlendes Wissen über den Klimawandel, sondern die Schwierigkeit, internationale Kooperationen für globale Gemeinschaftsgüter wie Atmosphäre und Biodiversität zu organisieren. Freiwillige Selbstverpflichtungen reichten dafür nicht aus. Hinzu kämen geopolitische Rivalitäten und die wirtschaftlichen Interessen fossiler Exportländer, die den notwendigen Wandel erschwerten.
Aus ökonomischer Sicht werde die Atmosphäre bis heute übernutzt, weil die tatsächlichen Kosten des CO₂-Ausstoßes nicht im Marktpreis enthalten seien. „Für einen Ökonomen sind Wirtschaftssysteme, die fundamentale Knappheiten ignorieren, ein Gräuel“, betont der Direktor und Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Klimaschutz bedeute des halb nicht in erster Linie Verzicht, sondern eine realistische Bepreisung knapper Ressourcen und damit eine Investition in den langfristigen Wohlstand.
Ausdrücklich erwähnt der Referent Papst Franziskus‘ Enzyklika Laudato si‘. Sie gehöre zu den wenigen internationalen Dokumenten, die das Klima ausdrücklich als „gemeinschaftliches Gut von allen und für alle“ beschrieben. Darin liege ein wichtiger ethischer Bezugspunkt für die Frage, wie Gemeinwohl und Eigentumsrechte angesichts der Klimakrise neu austariert werden müssten.
Trotz aller Schwierigkeiten plädiert Edenhofer für einen pragmatischen Optimismus. Die Europäische Union könne mit einer klugen Klima-, Energie- und Industriepolitik zeigen, dass Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit und Energiesicherheit keine Gegensätze seien. Instrumente wie die CO₂-Bepreisung, der europäische CO₂-Grenzausgleich und internationale Klimapartnerschaften könnten schrittweise Anreize für mehr globale Kooperation schaffen.
Edenhofers Fazit: Nicht immer ehrgeizigere Ziele, sondern glaubwürdige und umsetzbare Schritte seien jetzt entscheidend. Klimapolitik müsse sich daran messen lassen, ob sie konkrete Fortschritte ermögliche, internationale Zusammenarbeit stärke und somit globalen Wohlstand sichere. Zum Abschluss spiegelt er nochmals Havel: „Wir müssen vernünftige Klimapolitik betreiben und aufhören, von der Substanz zu leben. Ob das gut geht, weiß ich nicht, aber ich bin der Überzeugung, dass es sinnvoll ist. Und darum sollte es auch getan werden.“
Ottmar Edenhofer ist Direktor und Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung sowie Professor für Ökonomie und Politik des Klimawandels an der Technischen Universität Berlin und zählt zu den weltweit führenden Experten seines Fachs. Eine Aufzeichnung des Vortrags ist über die Stiftung abrufbar.
— Frank De Gasperi