Peter Gülke in der
Carl Friedrich
von Siemens Stiftung
Tod, Vergänglichkeit und Musik, diese drei Begriffe steckten ein Problemfeld ab, in dem sich ein Dschungel befinde – und er verspreche, dass er sich darin nicht zurechtfinden werde. Mit diesen Worten begann Peter Gülke am 6. Mai 2003 seinen Vortrag über Vergänglichkeit als Leben der Musik, der die Sondervortragsreihe der Carl Friedrich von Siemens Stiftung »Der Tod im Leben« eröffnete. Immerhin, fuhr er fort, wisse er, wo man anfangen müsse: bei Platons Phaidon, beim sterbenden Sokrates. Dieser berichtete in seinen letzten Gesprächen nicht nur von einem Traum, in dem ihm der Gott befohlen hatte: »Sokrates, treibe Musik!«, er beschrieb auch das Philosophieren, und damit das, womit er selbst sein Leben verbracht hatte, als eine »Praxis des Sterbens und Totseins«.
Auch in dieser Hinsicht konnte Werner Beierwaltes Peter Gülke bei dessen Vortrag über Bachs Matthäuspassion mit Gründen als einen der wenigen Philosophen unter den Musikwissenschaftlern vorstellen. Denn alle drei Vorträge, die er im Wissenschaftlichen Programm der Stiftung hielt, befassten sich auf die eine oder andere Weise mit dem Tod und waren gewissermaßen meditationes mortis. Sie waren freilich viel mehr als nur dieses: Sie zeigten die enorme Spannweite der Interessen und Kenntnisse von Peter Gülke, der souverän durch mehrere Jahrhunderte Musikgeschichte führte; sie zeigten seine Sensibilität, die noch den feinsten Nuancen einzelner Werke in konzentrierter Analyse nachspürte, ebenso wie seine Fähigkeit, das Einzelne in die denkbar weitesten musik- und geistesgeschichtlichen Bezüge zu stellen und es in ebenso überraschenden wie erhellenden Zuordnungen für das Nachdenken aufzuschließen. Begünstigt sicher durch die Einheit von Theorie und Praxis, von Reflexion und Realisierung, die Peter Gülke als Wissenschaftler und Dirigent in seltenem Maße verkörperte, verlor er sich dabei nie in einer bloß historisierenden Gelehrsamkeit, ebenso wie er den Jargon und die spezialistischen Verengungen einer akademischen Musikwissenschaft vermied. Seine eindringlichen Betrachtungen waren vielmehr stets getragen von einem existentiellen Interesse
In der Carl Friedrich von Siemens Stiftung trug Peter Gülke zum ersten Mal am 18. Januar 1996 vor, als er unter dem Titel Opus oder gar Testament? Fragen an Mozarts letzte Sinfonien stellte. Der Vortrag erschien im folgenden Jahr in der Reihe Themen als Im 2 Zyklus eine Welt. Mozarts letzte Sinfonien. In ihm entwickelte Gülke den Gedanken, Mozarts drei letzte Sinfonien seien als Einheit zu begreifen. Diese Einheit begründete er nicht metaphysisch — die romantische Legende vom auftragslosen »Appell an die Ewigkeit« wies er entschieden zurück —, sondern aus der anspruchsvollen Konzeption einer Werkgruppe, in der erst das Gefüge mehrerer, exemplarisch verschiedener Werke den Raum der Möglichkeiten ausmisst. In Anlehnung an Ernst Bloch verstand er die Trias zugleich als eine »Lernfahrt des Subjekts«: von der Es-DurSinfonie, die das Vorhandene gleichsam interesselos zur Kenntnis nimmt, über die gMoll-Sinfonie, in der das Subjekt sich in seiner Unruhe selbst wahrnimmt, zur JupiterSinfonie, die in der »Lichttonart C-Dur« Initiation und Synthese bringt — eine Bewegung, die Gülke mit der Hegelschen Stufung von Bewusstsein, Selbstbewusstsein und Vernunft in Verbindung brachte. Der Vortrag mündete in die Frage, ob das Finale der Jupiter-Sinfonie, in dem die Kombination der fünf Themen des Schlusssatzes die höchste kontrapunktische Verdichtung an ihre Grenze treibt, als Mozarts »Kunst der Fuge« zu verstehen sei. 2015 veröffentlichte die Stiftung den Vortrag in einer erweiterten Ausgabe, nachdem Nikolaus Harnoncourt, angeregt durch die Veröffentlichung und unter ausdrücklicher Bezugnahme auf den Themen-Band, 2013 eine Neuinterpretation der drei Sinfonien Nr. 39–41 unter dem Titel Mozart’s Instrumental Oratorium mit dem Concentus Musicus auf CD vorgelegt hatte.
Knapp vier Jahre später, am 18. November 1999, folgte der Vortrag Der Kreuzestod und die beste aller möglichen Welten – Theologie und Dramaturgie in Bachs Matthäuspassion. Gülke las die Passion als Komposition im Spannungsfeld der Theodizee-Frage: Wenn Gott gütig und allmächtig ist, warum bedarf es des Kreuzestodes seines Sohnes? Seine Antwort suchte Gülke weniger in Begriffen als in Bachs kompositorischen Entscheidungen. Die oratorische Form biete eigentlich, einer »Newtonschen Versuchsanordnung« gleich, eine saubere Funktionsteilung zwischen dem realen Zeitfluss des Evangelienberichts, der zeitaufhebenden Reflexion der Arien und Accompagnati und dem verallgemeinernden, von der Gemeinde gesungenen Choral: eine Trennung, die es erlaube, sich aus der Unmittelbarkeit des grausigen Geschehens in eine beruhigende theologische Verallgemeinerung zurückzuziehen. Eben diese Funktionsteilung unterlaufe Bach, weil er den Zynismus einer stets bereitliegenden Deutung empfinde. Den Höhepunkt dieser Verweigerung sah Gülke im Tod Jesu selbst: Auf »… und neigte das Haupt und verschied« folgt schroff und tonartlich abgesetzt der Choral »Wenn ich einmal soll scheiden« – ein Moment komponierter Ratlosigkeit vor einem Tod, dem keine Verallgemeinerung beikommen soll.
Das Jahr 2001 verbrachte Peter Gülke als Carl Friedrich von Siemens Fellow in München. Während dieser Zeit schrieb er das Buch Guillaume Du Fay. Musik des 15. Jahrhunderts, das 2003 in einer Gemeinschaftsausgabe des Metzler- und des Bärenreiter-Verlags erschien. Während seines Fellowships moderierte er den Vortrag von Reinhold Brinkmann Monologe vom Tod, politische Allegorie und die ›heil’ge Kunst‹. Zur Landschaft von Schuberts Winterreise, ebenso den Vortrag von Silke Leopold Instrumentalmusik und Identität. Über die Entstehung nationaler Töne im 17. Jahrhundert.
Sein Vortrag im Rahmen der Reihe Der Tod im Leben widmete sich schließlich jenem »Ideenstrom«, der sich »aus der Nachbarschaft von Musik, Vergänglichkeit und Philosophie« nähre. Er erschien unter dem Titel ›Senkrecht auf der Richtung vergehender Herzen‹ im Band, der die Vorträge der Reihe versammelte. Seine Beispiele wählte Gülke fast durchweg aus Werken der Trauer, des Abschieds und des Sterbens — von Guillaume Du Fays Ave regina celorum, das der Komponist für die eigene Sterbestunde bestimmt hatte, über Schuberts Winterreise, Bruckners späte Sinfonien und Mahlers Lied von der Erde bis zu Leverkühns Klage am Ende von Thomas Manns Doktor Faustus. An ihnen entfaltete er die spezifische Rolle der Zeitlichkeit für die Musik. Anders als das dauernde Bild oder der stehende Bau ist die Musik die Kunst, deren Sein selbst im Vergehen besteht — der Ton ist nur, indem er verklingt. Sie verdrängt die Vergänglichkeit also nicht, sondern macht sie zu ihrem eigenen Element. Und doch setzt sie dem Verfließen ein Stehendes entgegen — Wiederholung, Reprise, cantus firmus —, nicht um dem Vergehen zu entkommen, sondern um es hörbar, fassbar und am Ende sogar tröstlich werden zu lassen. In der Transzendenz, auf die sie verweist, müsse »die von der Musik halb besiegte, verrinnende Zeitlichkeit, ohne in ihr aufzugehen, ebenso aufgehoben sein, wie der Verstorbene aufgehoben ist, ohne daß der Respekt vor der Untröstlichkeit derer verletzt wäre, die ihn nicht aus der irdischen Zeitlichkeit herausgelöst denken wollen.« Was in diesem Sinn »Musik als Paradigma bejahter Vergänglichkeit«, so der Untertitel des gedruckten Vortrags, zu verstehen gibt, das fasste Peter Gülke am Ende seines letzten Vortrags in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung mit einem Zitat Montaignes – auch er ein Kenner des Phaidon – zusammen: »Qui apprendrait aux hommes à mourir, leur apprendrait à vivre«
— Fabian Brandt
Bibliographische Hinweise
Peter Gülke: Im Zyklus eine Welt. Mozarts letzte Sinfonien (Themen, Bd. 66), München: Carl Friedrich von Siemens Stiftung, 1997, 64 S.; 2., erweiterte Auflage mit einem Nachwort zur zweiten Auflage, München 2015, 76 S. (Kostenlos zu beziehen über bestellung@cfvss.de)
Ders.: Guillaume Du Fay. Musik des 15. Jahrhunderts, Stuttgart/Weimar: Metzler und Kassel: Bärenreiter, 2003, 504 S.
Ders.: ‚Senkrecht auf der Richtung vergehender Herzen‘. Musik als Paradigma bejahter Vergänglichkeit, in: Friedrich Wilhelm Graf / Heinrich Meier (Hrsg.): Der Tod im Leben. Ein Symposion. München / Zürich: Piper, 2004, S. 125–154.