Selbstverständnis

Prof. Dr. Marcel Lepper, Geschäftsführer, Carl Friedrich von Siemens Stiftung

»Das Bedürfnis einer krisengeprägten Gegenwart nach Forschung, nach beratender Expertise und wissenschaftlich fundierten Problemlösungsangeboten ist groß. Zugleich: Forschung hat es schwer, und dies nicht nur in autoritär strukturierten Gesellschaften, sondern auch in Demokratien, die über die Reichweite partizipativer Ansprüche nachdenken. Die Verständnishürden ausdifferenzierter, komplexer Forschung liegen hoch. Denk- und Wahrnehmungstraditionen stellt sie in Frage. Sie ist strukturell exklusiv: Wer mitreden will, muss nicht allein Neugierde mitbringen, sondern ein erhebliches Maß an Kompetenz, Ausdauer und Ernsthaftigkeit. Die Kunst klarer Darstellung sollte nicht mit voreiliger Vereinfachung verwechselt werden. Der Schönheit, aber auch den Zumutungen des Schwierigen den nötigen Raum zu geben: Das ist mein Programm für die Carl Friedrich von Siemens Stiftung.

Der Schönheit, aber auch den Zumutungen des Schwierigen den nötigen Raum geben.

Ich setze bewusst nicht auf Infotainment, auf plakativ inszenierte Kontroversen, sondern auf Konzentration, auf den anspruchsvollen Dialog von Expertinnen und Experten unterschiedlicher Disziplinen und Generationen. Der Methodenwandel etwa in den Geistes- und Sozialwissenschaften, getrieben durch fachpolitische Reflexionen wie technologische Transformationsprozesse, bildet sich in den Stiftungsprogrammen nicht bloß ab. Die Stiftung wirkt an diesem Wandel selbst mit – auch, indem sie die irreführende Segregation von begrifflicher und experimenteller Arbeit zugunsten der respektvollen Reflexion wechselseitiger Bedingtheit aufhebt. 

Die Stiftung nimmt sich selbst von ihren Nachdenklichkeitsanforderungen nicht aus. In dem Wissen, dass nichts so politisch ist, wie die Behauptung unpolitisch zu sein, darf die Stiftung den Standort ihres eigenen Tuns und Sprechens nicht ausblenden: Historische und kritische Perspektivierung in präzisem Dialog mit Zeit- und Wissenschaftsgeschichte ist in den kommenden Jahren unerlässlich. Das gilt auch für die kontinuierliche Positionsbestimmung im forschungs- und förderpolitischen Umfeld. Wer gut fördern will, muss systemische Regeln wissenschaftlich beobachtend und gestaltend zum Thema zu machen.«